Wachsende Chancen für die Schweizer Berggebiete im «globalen Dorf»
Wer die Berggebiete in erster Linie als benachteiligte Regionen versteht, scheinbare Defizite in den Vordergrund rückt, die ein Anrecht auf politische und finanzielle Unterstützung begründen, wird wenig zu ihrer Entwicklung beitragen. Und wer die Berglandwirtschaft als Entwicklungsmotor sieht, schätzt ihre Bedeutung falsch ein. Im Berggebiet zufrieden leben kann nur, wem es gelingt, in vermeintlichen Nachteilen Chancen zu sehen und diese zu nutzen. Berge zu versetzen ist dazu nicht nötig, Barrieren abzubauen – geistige und regulatorische – dagegen schon.
Autorin: Priska Baur, Avenir Suisse
Datum:
27. 08. 2008
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Das Bild der Schweiz hat mit Bergen zu tun, die Berge gehören zur Schweiz nicht nur aus der Sicht der Touristin, des Geschäfts- oder Transitreisenden. Sie prägen vielmehr bis heute die Selbstwahrnehmung der Schweizerinnen und Schweizer. Wir sehen die Schweiz mit den Augen unserer Feriengäste. Die Berge sind allgegenwärtig, wenn nicht im Alltag so doch im Kopf und in der Freizeit. Diese positiven Bilder vom «Land der Berge» gilt es zu nutzen. Sie sind eine grosse Chance, auch für die Zukunft der Schweizer Berggebiete.
«Das Berggebiet» ist ein weiter, aber vor allem ein politischer Begriff
Die Bedeutung der Berge hat handfeste geographische Gründe: Ein grosser Teil der Schweiz besteht aus bergigen Landschaftsräumen; Alpen und Jura machen mehr als zwei Drittel der Schweiz aus; die Hälfte der Landesfläche liegt über 1000 m über Meer und mehr als ein Fünftel der Fläche besteht aus Fels, Sand, Geröll, land- und forstwirtschaftlich nicht nutzbarer Vegetation sowie Gletscher und Firn. Diese naturräumlichen Gegebenheiten der Schweiz sind im Wesentlichen unveränderbar. Mit ihnen müssen wir leben und wirtschaften. Meist dominiert die Sichtweise, dass Natur und Topographie die Berggebiete wirtschaftlich benachteiligen und die Entwicklung behindern. Spezielle Fördermassnahmen für die Berggebiete und vor allem auch die Berglandwirtschaft stossen deshalb in der Schweiz bis heute auf breite Zustimmung.
Das «Berggebiet» ist weniger ein naturräumlicher als ein politischer Begriff, auch heute. Zwar wurde das Investitionshilfegesetz durch die Neue Regionalpolitik ersetzt, und von einer einfachen Gleichstellungsphilosophie und damit verbundenen Fehlanreizen hat man sich verabschiedet. Dennoch lebt in den Köpfen «das Berggebiet» als prinzipiell unterstützungsbedürftige Grösse fort. Dass die Berggebiete nicht zwangsläufig unterstützungsbedürftig sind, zeigt sich alleine schon daran, dass sie sich wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelt haben. Es gibt zwar typische Unterschiede zwischen dem Berg- und dem Nichtberggebiet, was jedoch nicht bedeutet, dass die Berggebiete ein homogener Raum sind. Die Unterschiede innerhalb des Berggebietes sind beträchtlich und können grösser sein als zwischen den Berg- und den Nichtberggebieten. Dies gilt besonders für die Berggebiets-Zentren und deren Umland.
Der statistisch und politisch definierte «ländliche Raum» überzieht praktisch die ganze Schweiz. Aus der Nähe betrachtet, ist die Bedeutung des ländlichen Raums und der Berggebiete aber viel kleiner als es der Blick auf die Schweizer Karte vermuten liesse. Nicht nur wirtschaftlich und was die Anzahl Personen betrifft, die in diesem Raum leben, sondern auch was die flächenmässige Ausdehnung angeht. Auch das besiedelbare Berggebiet ist oftmals überbaut und zersiedelt und wird intensiv genutzt – es ist Teil des Stadtlandes Schweiz.
Benachteiligt oder privilegiert?
Das Berggebiet gilt als benachteiligt. Diese Beurteilung hängt direkt von der Perspektive ab, sind die vermeintlichen Nachteile doch oft ein Vorteil. Die Berggebiete verfügen zweifellos über Ressourcen als Basis für die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, für die es in der modernen Gesellschaft eine Nachfrage gibt, insbesondere im wachsenden «globalen Dorf» der Begüterten. Es sind Ressourcen, die in einer wachsenden Weltwirtschaft immer knapper und wertvoller werden. Dabei geht es nicht nur um Landschaften und Tourismus, sondern beispielsweise auch um die Potenziale zur Gewinnung von Strom aus erneuerbaren Ressourcen.
Zur Generierung von Wertschöpfung braucht es Investitionen – private und öffentliche. Und diese müssen gut überlegt sein. Denn eine Erfolgsgarantie gibt es nie, jede Investition birgt Risiken und die Möglichkeit zu scheitern. Klar ist aber auch: Ohne Risikobereitschaft ist Entwicklung nicht möglich. Entwicklung ist ein Suchprozess, verbunden mit Erfolgen und Irrtümern, mit GewinnerInnen und VerliererInnen. Das gilt auch für eine nachhaltige im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung, die überlebensfähige, d.h. anpassungsfähige Strukturen entstehen lässt. Es ist aus meiner Sicht nicht nur falsch, sondern sogar gefährlich demagogisch, eine nachhaltige Entwicklung mit einer Entwicklung gleich zu setzen, die nur Vorteile hat und nur GewinnerInnen hervorbringt. Zweifellos gibt es auch Konflikte zwischen Schutz und Nutzung der Ressourcen. Es ist eine Gratwanderung, aus den Ressourcen Wertschöpfung zu generieren, ohne sie übermässig zu nutzen oder gar zu zerstören.
Für eine realistische Einschätzung der Berglandwirtschaft
Das Berggebiet, der ländliche Raum sind ein beliebtes Thema für Politik, Wissenschaft und Konferenzen im In- und Ausland. Heerscharen suchen nach Entwicklungsrezepten, wobei in der Landwirtschaft ein grosses Potenzial gesehen wird: Die Landwirtschaft als wichtige Anbieterin von Arbeitsplätzen, als Garantin der Besiedlung entfernter Bergtäler, als Produzentin von Nahrungsmitteln und gemeinwirtschaftlichen Leistungen, als unverzichtbare Partnerin des Tourismus oder gar als Entwicklungsmotor des ländlichen Raums.
Dass für die Zukunft der Berggebiete und des ländlichen Raums immer wieder die Landwirtschaft beschworen wird, hat indes wenig mit Fakten und realistischen Potenzialen zu tun. Es erscheint eher als ein Ausdruck von entwicklungspolitischer Phantasie- und Hilflosigkeit. Die Berglandwirtschaft wird für die nachhaltige Entwicklung der Berggebiete überschätzt, nicht nur, was ihre Bedeutung für die Wertschöpfung und die Arbeitsplätze betrifft, sondern auch was ihren Beitrag zur Versorgung mit Nahrungsmitteln, zur Vielfalt an Landschaften und Arten, zur dezentralen Besiedlung oder die Synergien mit dem Tourismus angeht. Trotzdem hat die Berglandwirtschaft eine Zukunft. Sowohl aus politischer als auch marktlicher Sicht gibt es Entwicklungsperspektiven. In der Agrarpolitik bleibt allerdings noch einiges zu tun. Die heutigen Direktzahlungen etwa dienen immer noch primär der Einkommensstützung und erschweren Anpassungen der Landwirtschaft in einer sich ändernden Welt. Von einer Weiterentwicklung des Direktzahlungssystems in Richtung gezielte Anbindung der Direktzahlungen an messbare Leistungen könnte gerade die Berglandwirtschaft profitieren.
Der Berglandwirtschaft bieten sich auch Chancen auf den Märkten. Gewiss nicht mit Massenware, die andere billiger und besser produzieren können, sondern mit Qualitätsprodukten im Hochpreissegment für globale Nischenmärkte, aber auch für die lokale touristische Nachfrage.
Die Zukunft der Berggebiete hängt wenig von der Entwicklung der Berglandwirtschaft ab. Zugespitzt formuliert, ginge es vielerorts auch ohne sie. Überlebt die Landwirtschaft, so kann das gut sein, gelingt ihr das nicht, so muss das nicht schlecht sein. Wie die Berglandwirtschaft in Zukunft aussehen wird, weiss niemand, ebenso wenig welche Produkt- und Dienstleistungsinnovationen es geben wird. Sicher ist einzig, dass Neuerungen kommen werden.
Öffnung statt Verweigerung
«Pigrizia delle montagne» – die «Faulheit zwischen den Bergen» – nennt Agnese Ciocco aus dem Misox die Trägheit und die Unlust, sich umzusehen, für Neues zu öffnen und auf Veränderungen einzulassen. Kräfte setzen Gegenkräfte frei. «Pigrizia delle montagne» – auch das vielleicht eine Gegenkraft zum schnellen Wandel in unserer zunehmend globalisierten Welt? Wo Barriere um Barriere fällt, haben viele Angst.
Meine Vision setzt dennoch auf die Überzeugung, dass die Menschen über eine grosse Kreativität und Anpassungsfähigkeit verfügen, sich vom Ort inspirieren lassen, auch im Berggebiet. Darin liegt die Zukunft. Hauptgrund für meine Zuversicht ist, dass die Berggebiete über wertvolle Ressourcen verfügen und dass es eine wachsende globale Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aus den Schweizer Berggebieten gibt. Ein unschätzbarer Vorteil der Berggebiete ist die Nähe von «Natur» und «Kultur», «Natur» und «Luxus». Es gibt nicht nur eine grosse Vielfalt von Naturschönheiten, sondern auch von Erlebnis- und Wohlfühlmöglichkeiten, die höchsten Standards genügen.
Die Menschen, die in den Berggebieten leben wollen, brauchen die Agglomerationen und Städte mehr als umgekehrt. Sie sind darauf angewiesen, dass Menschen aus dem In- und Ausland etwas von ihnen wollen und auch bereit sind, dafür zu zahlen. Das «globale Dorf» der Begüterten ist eine riesige Chance für die Berggebiete. Damit diese Chance genutzt werden kann, braucht es Spielraum für jene Menschen, die Ideen umsetzen wollen, für jene Investoren, die investieren wollen. Es gibt dabei keinen Königsweg und keine Patentrezepte. Dafür sind die Berggebiete und die Voraussetzungen für ihre Entwicklung zu unterschiedlich. Zu den vielen schönen Aussichten in den Schweizer Bergen führen viele Wege.
Um die Entwicklungsperspektiven zu verbessern, müssen nicht nur regulatorische, sondern vielleicht mehr noch geistige Barrieren abgebaut werden. Es hilft nicht weiter, die Vergangenheit zu verklären und das Rad zurückdrehen zu wollen. Immerhin hat in den Schweizer Berggebieten bis vor wenigen Jahrzehnten vielerorts bittere Armut geherrscht. Romantik und Realitätsverweigerung sind gefährlich. Die Öffnung wird weiter gehen. Mit einer offenen Haltung und der Bereitschaft für Neuerungen sind die Schweizer Berggebiete auch in der Vergangenheit gut gefahren.
Eine vollständige Fassung dieses Beitrages mit einer Literaturübersicht finden Sie im Register "Dokumente".


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