Scarnuz Grischun: Zutaten für ein langlebiges Vermarktungsnetzwerk

Scarnuz Grischun ist als Vermarktungsorganisation seit 15 Jahren erfolgreich unterwegs. Die Erfahrungen zeigen, dass es für den Erfolg des Netzwerkes nicht genügt, zu Beginn einmal eine klare Strategie festzulegen und eine geeignete Struktur aufzubauen. Vielmehr muss sich die Organisation - trotz wirtschaftlichem Erfolg - laufend weiterentwickeln.

Autorin: Jacqueline Baumer Müri, Präsidentin der IG Scarnuz Grischun

Themenbereiche:  Berggebiet | Landwirtschaft

Datum: 31. 08. 2010
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Am Anfang von Scarnuz Grischun standen 1993 eine gute Idee, tatkräftige Pionierinnen – alles Bäuerinnen aus Graubünden – und mit dem landwirtschaftlichen Beratungsdienst Graubünden ein professioneller Partner. Aus Sicht der Organisationsentwicklung wurden von Beginn weg viele Zutaten zu einem funktionierenden Netzwerk zusammengemischt. Viel Zeit und Diskussionen wurden investiert, um die Idee auf eine gesunde Basis zu stellen. Die wichtigsten Zutaten zur Rezeptur des Netzwerkes waren:

Strategie: Ein klares Ziel, den Bauersfrauen ein Zusatzeinkommen von zu Hause aus zu ermöglichen, ein eindeutiges Produkt, mit den hofeigenen Zutaten und Rezepturen bündnerische Spezialitäten im typischen Scarnuz zu vermarkten und eine klare Philosophie, möglichst viel Wertschöpfung bei den Produzentinnen zu belassen. Der Landwirtschaftliche Beratungsdienst liess dazu eine Marke entwickeln, die den gemeinsamen Auftritt mit der Scarnuz Etikette ermöglichte. Diese Marke wurde 1994 in Bern hinterlegt, um Idee und Auftritt zu schützen. All diese Zutaten auf strategischer Ebene wurden in einem Markenreglement festgehalten und sicherten die gemeinsame Ausrichtung und Qualitätssicherung. Das Herzstück des Netzwerkes, das alle verbindet.

Struktur: Die Zutaten für eine funktionierende Netzwerk-Organisation wurden auch von Beginn weg gesetzt. Regionale Gruppen mit 6-9 Bäuerinnen organisieren sich nach demselben Modell autonom. Jede Gruppe hat eine „Zentrale“ mit einer Leiterin, welche die Bestellungen und den Vertrieb organisiert. Die Produzentinnen liefern die bestellten Produkte an die Zentrale. Ziel ist die Direktvermarktung ganzer Geschenkkörbe mit Produkten aller Produzentinnen. Diese werden direkt per Post an die Kunden versandt. Der Verkauf von Einzelprodukten ist nur als Ausnahme vorgesehen, der Wiederverkauf über Händler und Dorfläden ist nicht erlaubt. Das Netzwerk ist auch finanziell geregelt: Die Produzentinnen berechnen ihren Produktpreis nach Vorgabe und stellen der eigenen Gruppe die gelieferten Produkte in Rechnung. Die einzelnen Gruppen finanzieren sich durch kleine Margen auf den Produkten selbst. Ein jährlicher Mitgliederbeitrag und eine kleine Marge auf den Scarnuz-Etiketten äufnet die Kasse des ganzen Netzwerkes. Diese Elemente wurden in den Statuten des Netzwerkes festgehalten.

Mit der initiativen Unterstützung des landwirtschaftlichen Beratungsdiensts wurden innerhalb zweier Jahre in Graubünden fünf Regionalgruppen gegründet. Das Netzwerk lebte. Die Pionierinnen erhielten 1995 den Innovationspreis für Landwirtschaft und Tourismus Graubünden. Der originelle Geschenkkorb hatte den Durchbruch geschafft. Es folgten 15 Jahre erfolgreiches Wirken mit viel Leidenschaft, Aufwand und wirtschaftlichem Erfolg. Trotzdem fehlten dem Netzwerk mehrere Zutaten, um “erwachsen“ zu werden.

Kultur: Die einzelnen Gruppen agieren sehr autonom. Die jährliche Generalversammlung wurde zum einzigen gemeinsamen Treffpunkt und Austausch. Kommunikation unter den Gruppen war nur in den seltenen Konfliktfällen angesagt. Dazu wurde jeweils der landwirtschaftliche Beratungsdienst als anerkannte Fachstelle beigezogen. Die Konflikte wurden quasi ausserhalb des eigenen Netzwerkes gelöst. Sicher: ein neutraler externer Partner, dem alle vertrauen, ist eine hilfreiche Begleitung, gerade in Konfliktsituationen. Innerhalb der Gruppen wurden Konflikte nur zu oft über Austritte einzelner Produzentinnen „gelöst“.

Kommunikation: Für die Pflege und Weiterentwicklung eines Netzwerkes ist jedoch eine vertiefte Kommunikation nötig. Das Bewusstsein für die gemeinsame Strategie – zu Beginn in vielen Diskussionen geklärt und ausgereift - geht langsam verloren, Innovation hat keinen Boden, neue Ideen können nicht gemeinsam wachsen. Vertrauen und Kommunikation – die wichtigsten Zutaten für eine lebendige Zusammenarbeit im Netzwerk – gehen langsam verloren. Ein Netzwerk muss von innen her gut gerüstet sein für Führung, Kommunikation und Konfliktlösung.

„Erwachsen“ zu werden hiess im Fall des Scarnuz Grischun, die Organisation so zu entwickeln, dass Vertrauen, Kommunikation und Zusammenarbeit im Netzwerk gestärkt werden konnten. Und es hiess, einen Bewusstseinsprozess zu führen, um die gemeinsame Ausrichtung und die Qualitätssicherung neu zu verankern. Dieser Weg ermöglichte auch die Generationenablösung der älter gewordenen Pionierinnen und im Jahre 2010 sogar die Entstehung einer neuen Regionalgruppe. Zu dieser Entwicklung trugen auf verschiedenen Ebenen neue Zutaten bei:

Strategie:

  • Überarbeitung des Markenreglements
  • Qualitätssicherung durch die Zertifizierung der Regionalprodukte über alpinavera
  • Neuer Auftritt mit gemeinsamem Werbematerial und neuer Internetseite


Organisation:

  • Gründung einer Interessengemeinschaft IG Scarnuz Grischun, in der alle Gruppen mit einem Vorstandsmitglied vertreten sind.
  • Übernahme des IG Präsidiums durch eine neutrale Führungsperson
  • Überarbeitung der Statuten
  • Übergabe der Markenrechte vom LBBZ Plantahof an die IG Scarnuz Grischun


Kultur:

  • Stärkung der Vorstandsarbeit im Rahmen der IG Scarnuz Grischun (Rollenverständnis)
  • Projektarbeiten, in der Produzentinnen aller Gruppen aktiv involviert sind
  • Regelkommunikation zwischen IG und Produzentinnen (z.B. Mitgliederbereich auf der Webseite, offene Kommunikation aus dem IG Vorstand, Jahresbrief der Präsidentin)
  • Handbuch pro Gruppe mit allen Informationen und Adressen (email) zum Scarnuz Grischun

So ist der Scarnuz Grischun heute als lebendiges Netzwerk unterwegs und versucht, alle nötigen Zutaten achtsam zu pflegen und zu entwickeln. Autonom und verbunden in einer guten Balance.
 


 

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